Wieviel Agilität verkraftet ein Unternehmen?
New Work

„Alles agil, oder was?“ – Gedanken zu New Work & Co.

Was ist wirklich neu?

„Ja, ja, ich weiß, ab heute sind wir alle nur noch agil – aber mal unter uns gesagt, das machen wir doch schon lange so ...“ Was sich im ersten Moment wie eine beliebte Killerphrase anhört, war das interessante Statement eines Seminarteilnehmers zum Thema Agilität und New Work. Das war vor zwei Wochen. Nun sitze ich hier an der Küste Nordspaniens im lauen Schatten eines Olivenbäumchens, innerlich bereit, einen Blogbeitrag zu schreiben und frage mich, was ich Ihnen zu dem Thema noch Neues berichten könnte.

Nach kurzem Nachdenken lautet meine ehrliche Antwort: Nichts! Denn Lautstärke und Häufigkeit, mit der Schlagworte wie agil, selbststeuernd, New Work und disruptiver Wandel benutzt werden, sind in den letzten Monaten explosionsartig gestiegen. Kein Kongress mehr, der sich nicht mit den Herausforderungen der VUCA-World [1] beschäftigt, kaum ein Fachbuch zu Megatrends in der Industrie, das nicht das Kapitel „neue Organisationsformen“ beinhaltet. Sollte ich meinen Laptop also besser wieder zuklappen und mich der tosenden Brandung und den waghalsigen Surfern um mich herum widmen? Nein, denn auch ich bin infiziert vom Virus um New Work & Co. Warum eigentlich? Die Antwort ist so einfach wie gewaltig: Ich hoffe, einen Paradigmenwechsel in der Arbeitswelt erleben und begleiten zu dürfen, ein Umdenken, das eine neue Ära des Arbeitens und Wirtschaftens einläutet. Nicht mehr und nicht weniger!

 

Von der 5-Mann-Agentur über den produzierenden Mittelständler bis hin zum Großkonzern, allen ist klar: Agile Methoden, agiles Führen und agile Strukturen – sie sind der Garant für Wettbewerbsfähigkeit in einer sich schnell ändernden Welt. Im engsten Sinne heißt das, schnell und flexibel reagieren zu können auf Marktentwicklungen und Kundenanforderungen – ein Anspruch, dem erfolgreiche Unternehmen schon seit Jahrzehnten gerecht werden, nichts Neues also. In den 20 Jahren meiner Berater- und Trainertätigkeit berührt mich dabei zunehmend, wie Kunden nicht nur Wettbewerber, sondern auch sich selbst zu überholen scheinen mit immer volleren Terminplänen, anspruchsvolleren Zielen und herausfordernden Projektplänen. Der Mensch gerät in den Hintergrund, Wirtschaftlichkeit – die Zahl rechts unten – ist das alles Entscheidende.

 

Wirtschaftlichkeit durch Wertewandel

 Aus der Hubschrauberperspektive wird klar, wie diese Entwicklung stattfinden konnte. Im Taylorismus [2] resultierte Wertschöpfung vor allem über die Optimierung von Prozessen und Standards. Mitarbeiter waren „Umsetzer“ dieser Größen. Im Zeitalter des Post-Taylorismus, der engen und sich ständig wandelnden Märkte, gewinnt die Wertschöpfung durch Kreativität und Entscheidungsfähigkeit zunehmend an Bedeutung.

 

Wirtschaftlichkeit kann in vielen Bereichen nur durch das Durchbrechen alter Regeln, Standards und Prozesse generiert werden. Wenn zum Beispiel der Verkäufer des Skater Ladens nicht mutig und eigenverantwortlich die geltende Regel „reduzierte Ware ist vom Umtausch ausgeschlossen“ durchbrochen hätte, hätte er mit mir kein Geschäft gemacht: Ich musste das T-Shirt zurückbringen dürfen, falls es meinem Sohn nicht passt, das war Bedingung für meine Kaufentscheidung. Menschen müssen Mitdenken und Entscheiden dürfen, ohne Angst vor Fehlern oder Sanktionen für sinnhafte Regelverstöße. Führungskräfte müssen Raum und Methoden bieten, damit Teams flexibel und schnell reagieren können. Und auch das ist nicht sensationell neu. In „Leuchtturmprojekten“ üben sich viele Organisationen in dieser Art der Zusammenarbeit schon seit Jahren und einige Führungskräfte haben den „Dienstleistungsgedanken“ – ohne ihn so zu benennen – schon immer erfolgreich gelebt. Wo also ist der Paradigmenwechsel, den ich mir erhoffe?

Nicht alles ist also neu bei „agil, New Work & Co“. Neu ist die Hoffnung auf ein menschengerechteres Arbeiten, die bedingungslose Ausrichtung auf Sinn und gesellschaftlichen Nutzen!

New Work braucht Leuchtturmprojekte!

Gretchenfrage: Welchen Sinn macht das?

 Er liegt begründet in einem kleinen aber entscheidenden Wandel im Anspruch eines Unternehmens, das sich als „Happy Working Place“ versteht: Nicht der Beste in, sondern für die Welt sein. Welchen Nutzen kann die Organisation in der Gesellschaft stiften, welchem Sinn wollen die Menschen gemeinsam folgen? Das schließt Wirtschaftlichkeit in keiner Weise aus, Unternehmen müssen Gewinne erzielen. Sie stehen lediglich nicht mehr an erster Stelle, sie sind eine „natürliche“ Folgeerscheinung. Denn Menschen sind bereit und in der Lage zu Höchstleistungen, wenn sie ihre Ziele als sinnstiftend erleben: Überfällt Sie Euphorie bei dem Gedanken, Mitarbeiter des ertragreichsten Autobauers der Welt zu sein? Nein? Dann wollen Sie vielleicht lieber dazu beitragen, dass „2025 kein Mensch mehr in einem Volvo stirbt?“[1] Und darum geht es letztlich bei New Work & Co. Arbeit und Leistung einen Sinn geben, der weit über das Monetäre hinausgeht. Arbeitsbedingungen schaffen, die es Menschen erlauben, Teil eines „Dreamteams“ zu sein und dadurch erfolgreich zu agieren.

 

Utopie einer neuen Arbeitswelt, entstanden an einem Urlaubstag mit Blick aufs Meer? Nein, Gott sei Dank gibt es sie bereits, die großen und erfolgreichen „Musterbrecher“ oder auch „Happy Working Places“, die den Paradigmenwechsel erfolgreich vorleben und dabei auch wirtschaftliche Erfolge feiern: dm-drogerie markt, gore-tex, Patagonia, Applied Energy Services und viele andere mehr.

 

Agilität mit Augenmaß

 Die Kunst wird es sein, sorgsam hinzusehen und zu überprüfen, wie viel Agilität braucht und verkraftet ein Unternehmen und auch jeder Einzelne. Nicht jede Aufgabe erfordert Flexibilität, Innovation und Agilität in gleichem Maße. Es wäre fatal, jeden Prozess, jeden Standard und jede Planung abzuschaffen. Nur dort, wo sie einengen und dem Sinn des Unternehmens nicht dienen, müssen neue Arbeitsformen, Entscheidungswege und Methoden gefunden werden. Nicht jeder Mitarbeiter einer Organisation kann gleichermaßen mit Entscheidungshoheit und Verantwortungsübernahme umgehen, nicht jede Führungskraft wird Kontrolle gegen Vertrauen von heute auf morgen eintauschen können und wollen.

 

Doch zurück zum Ausgangspunkt: Nicht alles ist also neu bei „agil, New Work & Co“. Neu ist die Hoffnung auf ein menschengerechteres Arbeiten, die bedingungslose Ausrichtung auf Sinn und gesellschaftlichen Nutzen. Beseelt von diesen Überlegungen verschwimmen die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit, zwischen Sonne, Wellen und meiner Tastatur. Ich tauche auf aus meinen Gedanken und wundere mich, wie hoch die Sonne inzwischen am Himmel steht. Was für ein wunderbarer Tag an der Küste Nordspaniens...!

[1] „Agilität“ meint eine Geisteshaltung oder auch mind-set, die ihren Ausdruck in zahlreichen neuen Arbeitsformen findet, wie zum Beispiel konsultativer Entscheid, selbststeuernde Teams, Retrospektiven, Daily stand ups.

[2] Das Acronym VUCA steht für volatility, uncertainty, complexity und ambiguity, zu deutsch Volatilität/Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit, und beschreibt damit die Herausforderungen der heutigen Unternehmensführung. Mehr Infos siehe https://www.business-wissen.de/artikel/digitalisierung-was-bedeutet-vuca/

[3] Taylorismus: Dieser Begriff steht in der Managementtheorie für das Prinzip der Prozesssteuerung von Arbeitsabläufen, das von Frederick Winslow Taylor (1856–1915) begründete wurde. Mehr Infos siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Taylorismus

[4] Volvo Vision 2020: “Our vision is that by 2020 no one should be killed or seriously injured in a new Volvo car.” http://www.volvocars.com/intl/about/vision-2020#

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