Wahrnehmung

Alles eine Frage der Interpretation?

Bleiben Sie in Ihrer Kommunikation nicht hinter Ihren Möglichkeiten!

Was haben die Geschichte einer gehörlosen Schlagzeugerin, ein halber Teller Spinat und Islands Polarlichter mit uns und unserem Kommunikationsverhalten zu tun? – Eine ganze Menge!

Missverständnisse, in Teilen sogar vollkommenes Unverständnis, schleichen sich in regelmäßigen Abständen in Unternehmen und Haushalte ein. Oft liegt das gar nicht daran, dass wir nicht „gut genug“ unseren Standpunkt kommunizieren. Eine Ursache kann auch sein, dass ich oder mein Gegenüber – sei es der Chef oder unser Partner – das Gehörte in einer ganz bestimmten Art und Weise interpretiert. Ob aus Unbedachtheit oder Unkenntnis, spielt zunächst keine Rolle. Fakt ist: Wir bleiben dadurch in der Kommunikation hinter unseren Möglichkeiten. Dabei verhält es sich in der Kommunikation wie in anderen Bereichen des Lebens: Ist das Problem erst einmal bekannt, liegen Lösungsstrategien oft recht nah. Mit drei Beispielen möchte ich Ihr Bewusstsein schärfen, wie Sie künftig gewinnbringender kommunizieren können – für sich selbst und für die Sache.

Win-Win-Kommunikation durch die Frage: „Könnte es auch anders sein?“

Evelyn Glennie, die taube Schlagzeugerin

Wenn Sie gefragt werden: „Mit welchem Teil Ihres Körpers hören Sie?“, schauen Sie im ersten Moment wahrscheinlich ein wenig irritiert, bevor Sie sagen: „Mit meinen Ohren.“ Mit was auch sonst. Dass es Menschen gibt, die aufgrund einer Erkrankung ihr Gehör verloren haben oder die Fähigkeit, zu hören, von Geburt an nie besaßen, ist uns bekannt. Evelyn Glennie ist eine von diesen. Sie gilt mit einem Hörvermögen von knapp 20 Prozent als beinahe taub. Nur wenige aber kämen jetzt wahrscheinlich auf die Idee, dass genau jene Frau die vierstündige Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 musikalisch untermalte.

 

In einem TED Talk berichtet die taube Musikerin darüber, wie sie am Anfang ihrer Karriere von der Royal Academy of Music abgelehnt wurde. Nicht, weil sie zu wenig Talent besaß, sondern weil sich die Jury nicht vorstellen konnte, wie die Zukunft einer gehörlosen Schlagzeugerin aussehen könnte. Glennies Geschichte zeigt, dass es sich lohnen kann, zu fragen: „Könnte es auch anders sein?“

 

Auch in der Kommunikation macht es Sinn, Alternativen mit zu überdenken. Allzu oft brechen wir ein Gespräch ab oder verletzen – ob bewusst oder unbewusst – unser Gegenüber, weil wir auf seine Ideen mit Skepsis reagieren und uns sagen: „Das kann doch so nicht funktionieren!“, gefolgt von „Was denkt er/sie sich überhaupt?“. Schade! Denn Glennies Karriere ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, welche Potentiale wir in unseren Mitmenschen vorschnell übersehen, wenn wir ihnen nicht die Chance geben, uns eines Besseren zu belehren. Das fordert zum einen eine ordentliche Portion Vertrauen. Zum anderen die Bereitschaft, bekannte Wege zu verlassen.

Wahrnehmung oder Interpretation? – Schöpfen Sie aus dem Vollen

„Die häufigsten Mißverständnisse und Konflikte im Umgang miteinander ergeben sich daraus, daß wir unsere Deutungen für Wahrnehmungen halten.“

(Claudio Hofmann)

In vielen Fällen steckt bei Unverständnis für eine Position oder bei Ablehnung einer Idee keine böse Absicht dahinter. Ein Phänomen, das uns heute aus der Neurologie unter dem Namen Neglect bekannt ist, macht sich mitunter auch in unserem Kommunikationsverhalten bemerkbar.

 

Zunächst handelt es sich bei einem Neglect (von lat. neglegere = nicht wissen, vernachlässigen) um eine Störung der Aufmerksamkeit, bei der der Betroffene nur noch die Hälfte seiner Umgebung wahrnehmen kann. Häufig treten Neglecte bei Schlaganfallpatienten auf und haben ihre Ursache in der Schädigung des Gehirns. Den Betroffenen ist ihre eingeschränkte Wahrnehmung in vielen Fällen nicht bewusst, sodass sie Strategien erlernen müssen, mit Hilfe derer sie ihre Aufmerksamkeit gezielt auf das vernachlässigte Blickfeld lenken können. Neglectiker lernen dabei beispielsweise, ihren Teller zu drehen, um auch die Speisen auf der anderen Hälfte sehen und schließlich essen zu können.

Wahrnehmung oder Interpretation?

Wie einfältig und unausgewogen wäre unser Leben, würden wir die andere Seite nie entdecken?

Übertragen auf unsere Kommunikation können etwa Anspannung und Angst zu einer eingeschränkten Wahrnehmung führen. Um im Bild zu bleiben: Vor lauter Sorge sehen wir entweder nur noch Spinat oder nur noch Pommes und Burger. Auf Dauer würde das in beiden Fällen schnell zu einem Mangel an wichtigen Nährstoffen führen.

 

Auch in Gesprächen, in denen Sachverhalte nur einseitig betrachtet werden, sind die für Innovationen und Problemlösungen notwendigen Ressourcen bald aufgebraucht. Oder es werden Entscheidungen getroffen, bei denen die Beteiligten nur noch auf Sparflamme laufen. Ein Blick „auf die andere Seite des Tellers“ könnte den nötigen Energieschub oder die gesunde Abwechslung bringen.

Ich sehe was, was Du nicht siehst...: Der Blick-WINKEL ist entscheidend

Der Blickwinkel ist entscheidend

Das grüne Lichterspiel am Himmel Islands. Für Inselbewohner nahe des Äquators nicht zu sehen.

Sehr häufig übersehen wir, dass das, was wir selbst für objektiv ein-deutig erkennbar halten, allein aufgrund unseres Blickwinkels zustande kommt – denken Sie nur mal an Polarlichter. Diese betörenden Lichtreflexionen sind auf unserer Erde ausschließlich in Gebieten jenseits des 66. Breitengrades wahrzunehmen, nahe der Magnetpole. Wer dort isoliert aufwächst, weiß vielleicht nicht, dass Menschen in anderen Regionen das Naturphänomen gar nicht kennen und seiner Schilderung über „grüne Wolken“ nicht folgen können.

 

In der Kommunikation ist das ähnlich. Auch dort führen unterschiedliche STANDpunkte oft zu Miss-, beziehungsweise Unverständnis, weil ein Gesprächspartner das Gesagte auf Basis seiner begrenzten Weltanschauung und der eigenen Erfahrung interpretiert – meist, ohne sich dessen bewusst zu sein. Erst die Reaktion unseres Gegenübers macht deutlich: „Ich verstehe dich einfach nicht.“

 

Die Kommunikationsexpertin Vera F. Birkenbihl bringt dieses Problem mit ihrem Inselmodell treffend auf den Punkt: Jeder Mensch hat seine eigene Insel, auf der bestimmte Regeln und Ansichten gelten. Oft fällt es uns schwer, Zugang zu fremden Inseln zu finden. Win-Win-Gespräche zeichnen sich dadurch aus, dass ein kommunikativer Austausch auch dann gelingt, wenn sich die Blickwinkel auf eine Sache stark unterscheiden.

Gibt es Alternativen? – Hören Sie zu!

Für Gespräche – besonders für scheinbar festgefahrene Kommunikationssituationen – empfehle ich demnach zwei Schritte:

  1. Schritt: Memo an mich selbst: Könnte es auch anders sein?
  2. Schritt: Zuhören. Erklären lassen. Nachfragen.

 

Mit Schritt 2 ist ein Zuhören im Sinne des Englischen „to listen to“ (nicht: „to hear“) gemeint. Ein Zuhören, bei dem Sie alles daransetzen, Ihr Gegenüber wirklich zu verstehen – und zwar so, wie er es tatsächlich sagt und meint. Nicht so, wie Sie es interpretieren. Für den Gesprächspartner heißt das auf der anderen Seite natürlich auch: Nutzen Sie die Gelegenheit! Machen Sie es konkret und erzeugen Sie Bilder im Kopf Ihres Dialogpartners, indem sie Beispiele anführen, Metaphern einsetzen, Analogien heranziehen et cetera. So können echte Win-Win-Situationen entstehen, an deren Ende ein beidseitiges Gefühl der Wertschätzung und ein gutes Gesprächsergebnis stehen.

 

Denken Sie bei all dem gerne an Evelyn Glennie, den halben Teller Spinat oder Polarlichter und lassen Sie sich positiv überraschen, welche neuen Möglichkeiten sich daraus ergeben.

Quellen und weiterführende Literatur:

Birkenbihl, Vera (2008): Kommunikationsprobleme. URL: https://www.youtube.com/watch?v=lrh32N7G3ag (abgerufen, 28.04.2017).


Glennie, Evelyn (2007): How to listen. URL: https://www.ted.com/talks/evelyn_glennie_shows_how_to_listen/transcript?language=de#t-1137000 (abgerufen, 27.04.2017).


Gojowsky, Anna (2014): 7 Phänomene der menschlichen Wahrnehmung. URL: http://www.spektrum.de/wissen/7-phaenomene-der-menschlichen-wahrnehmung/1311002 (abgerufen, 26.04.2017).


Hofmann, Claudio (2002): Achtsamkeit. Anleitung für ein sinnvolles Leben. Stuttgart.

Autor: Constanze Fürst

Von Constanze Fürst
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