Beitrag von Constanze Fürst

Der Weg zur Klarheit führt über Gedankenhygiene

Interview mit Ralf Tiemann, Experte für innere Klarheit bei mensch & kommunikation

Wir kümmern uns um unsere Wäsche, pflegen unser Auto - doch wer putzt durch im Oberstübchen? Ralf Tiemann, Experte für innere Klarheit, im Gespräch über inneren Frieden, nicht-förderliche Gedanken und die Wirkung unseres Atems.

Ralf, am Vortragsstil feilen. Plausibel. Besser verhandeln lernen. Hilfreich.
Bewusster werden… was bringt´s?

Anstatt bewusster, könnte man auch einfach sagen klarer. Das ist für viele verständlicher. Wer innere Klarheit besitzt, der hat eine Art inneren Frieden, eine innere Ruhe und strahlt diese auch meistens nach außen hin aus. Er benötigt keine Ratschläge von anderen, da er eine recht genaue Vorstellung davon hat, wie es weitergehen darf.

Innerer Frieden … das klingt nach Klangschale und Yogamatte.

Ich bin kein Yogi. Aber Elemente aus dem Yoga nutze ich sicher auch. Diese Begriffe unterliegen in unserer Gesellschaft einer Bewertung. Stereotypisch der Esoterik. Yoga enthält alte Weisheiten. Warum sollte man diese nicht nutzen?

Sag Du es mir.

Im Yoga wird ganz bewusst auf den Atem geachtet. Diese Technik verwende ich zum Beispiel auch. Wer lernt, bewusst zu atmen, lernt auch, Dinge wieder klar zu sehen. Der Weg zur inneren Klarheit kann sehr wirksam über den Atem führen.

Werden Probleme in deinen Seminaren einfach weggeatmet?

(lacht) In erster Linie beginne ich damit, Fragen zu stellen. Das Problem, mit dem die Menschen an mich herantreten, ist manchmal gar nicht die Stellschraube, an der gedreht werden muss.

Hast Du ein Beispiel?

Ja. Ein erfolgreiches Kleinunternehmen, in dem es aber nicht ganz harmonisch zuging. Es handelte sich nämlich nicht nur um ein Kleinunternehmen, sondern gleichzeitig auch um ein Familienunternehmen. Mit Vater, Tochter und Sohn an der Spitze. Hier spielten immens viele emotionale Erfahrungen mit rein. Nachdem ich angefangen hatte, mit den dreien in Coachings den Blick zuerst auf sich und die eigenen Emotionen zu richten, bevor die Verantwortung bei den anderen gesucht wurde, verbesserte sich die Stimmung im Unternehmen erheblich.

Wie gehst Du dabei vor?

Ich bringe den Menschen gerne näher, Probleme anders als bisher wahrzunehmen. Denn Situationen, die sich als Problem anfühlen, sind häufig Möglichkeiten für inneres Wachstum. Sie sind meist sinnhaft.

Eine Etikettierungs-Strategie?

Nein. Das ist ein Perspektivwechsel. Den darf man erleben. Die Kraft dahinter fühlen. Etikettierungen bringen nichts. Ich mache dazu gerne eine Übung mit meinen Seminarteilnehmern. Damit wird das sehr deutlich. Rhetorische Kunstgriffe verlieren ihre Wirkung, wenn sich das Denken nicht ändert.

Du betreibst Gedankenhygiene.

So ist es. Wir haben zwischen 50.000 und 60.000 Gedanken am Tag. Gedanken beeinflussen, wie wir uns fühlen. Es gibt förderliche Gedanken, die uns Energie geben. Und es gibt nicht-förderliche Gedanken, die uns Energie rauben. Wenn wir uns diese nicht-förderlichen Gedanken einmal bewusst machen – dann können wir uns in die Lage versetzen, ihnen auch bewusst keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken. Aufmerksamkeit entscheidet darüber, an welchen Gedanken wir festhalten. Um den Fokus von den limitierenden Gedanken weg-zunehmen, müssen wir sie aber erstmal als eigene Gedanken an-nehmen.

„Wenn man erst einmal seine Muster erkannt und die eigenen Emotionen beiseitegelegt hat, dann kann einem das eigene Verhalten ganz schön skurril vorkommen.“

Zurück zur Ausgangsfrage: Der Atem ist nur eine Technik?

Absolut, er ist ein zusätzliches Tool. Während dieses ganzen Erkenntnisprozesses, kann ich meinen Teilnehmern zeigen, wie wertvoll schon ein bewusster Atem sein kann. Auf den achten wir bewusst genau so wenig, wie auf unser tägliches Gedankenkarussell. Willst Du eine neurowissenschaftliche Erklärung hören?

Bitte!

Unser Gehirn arbeitet auf verschiedenen Frequenzen. Bei etwa 25 Hz erleben wir einen sogenannten Flow-Zustand. In diesem vergessen wir Raum und Zeit, sind total bei der Sache. In Stresssituationen misst man um die 40 Hz. Da ist es dann auch mit der Klarheit vorbei. Unser Atem kann uns – bewusst eingesetzt – wieder zurück auf eine mittlere Hirnfrequenz bringen. Dazu sendet der Atem harmonisierende Impulse an das Gehirn über den Vagusnerv. Diesen Weg nutzt man auch in der Medizin z.B. bei Depressions- oder Epilepsie-Patienten. Anstatt des Atmens sorgen hier aber Implantate für die entsprechenden Impulse.

Unser Atem steuert unsere Hirnfrequenz und sorgt so dafür, die Dinge wieder klarer zu sehen. Verstehe. Und wie ist das mit den Emotionen? Gehören die nicht zum Menschsein und auf Arbeit ab und an einfach dazu?

Ja und nein. Es macht einen Unterschied, ob bei mir bewusste oder unbewusste emotionale Muster ablaufen. Indem ich Menschen helfe, sich ihrer Gedanken bewusst zu werden, helfe ich ihnen damit auch, sich den damit verbundenen Emotionen gewahr zu werden. Dabei unterscheide ich persönlich zwischen Emotionen und Gefühlen. Emotionen hindern uns daran, klar zu sehen. Dazu zähle ich zum Beispiel Wut, Neid und Angst. Gefühle wie Vertrauen, Dankbarkeit und Wertschätzung sind dagegen sehr förderlich. Wir brauchen eine gefühlvollere Welt, keine emotionalere. Das gilt auch für die Arbeit.

Du sagst, deine Seminare sollen Spaß machen. Ehrlich gesagt, hört sich das so an, als hätte man bei dir ganz schön schwer zu knabbern. Wo bleibt da Platz für Leichtigkeit?

Wenn man erst einmal seine Muster erkannt und die eigenen Emotionen beiseitegelegt hat, dann kann einem das eigene Verhalten ganz schön skurril vorkommen. Das führt zum Teil zu herzlichem Lachen. Meine Coachees und Teilnehmer merken, dass ich ihr Verhalten nicht werte. Das erleichtert auch Situationen, die normalerweise an die Substanz gehen.

Geht das mit dem „Darüber-Lachen“ so schnell?

Es ist ein Bewusstwerdungs-Prozess – das Tempo ist individuell. Je länger man Muster gepflegt hat, die auf jahrelangen Erfahrungen gründen, desto länger kann es manchmal dauern, sich von ihnen zu lösen. Ich ermutige meine Teilnehmer dazu, mich anzurufen oder mir eine E-Mail zu schreiben, wenn sie leichte Rückfälle bemerken. Oft lassen sich dann die Ursache-Wirkungszusammenhänge schon viel schneller erkennen. Dann lässt sich auch schneller etwas ändern.

Zusammenfassend, Ralf: Warum ist innere Klarheit auch in der Arbeitswelt so wichtig?

Innerhalb eines Unternehmens führt sie sicherlich zu einer harmonischeren Atmosphäre. Zusätzlich dürfte es Innen wie Außen deutlich erfolgreicher sein als ohne Klarheit. Und wie anfangs schon erwähnt: Wer innere Klarheit besitzt, der weiß, was er zu tun hat, kann bewusste Entscheidungen treffen. Da sagt einem die innere Stimme dann ganz deutlich „Dabei brauche ich Unterstützung“ oder „Dafür brauchen wir dies und jenes“. Innere Klarheit vermeidet Fehler, die aus Angst und anderen Emotionen gemacht werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sehr gerne und herzlichen Dank für Deine erfrischenden Fragen.

(Titelbild: Stefan Nagott/Hamburg)

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