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Beitrag von Annalena Caputo

Die Macht der Gewohnheit

Oder auch: Was den Trainingstransfer so schwierig macht

Ich gehe aus der Haustür, schnappe noch schnell im Herausgehen meine Autoschlüssel, laufe hinaus auf den Hof und schwinge mich ins Auto – schon wieder zu spät dran! Ich starte den Motor, während ich meinen Rucksack auf dem Beifahrersitz abstelle. Moment – mein Rucksack… wo ist meine Handtasche? Und da fällt es mir wieder ein – ich habe mir doch vorgenommen, heute mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren! Na toll… Naja, aber jetzt ist es ja eh schon zu spät. Ich schnalle mich an, lege den ersten Gang ein und fahre los.

Wer kennt sie nicht? Die Macht der Gewohnheit. Wie oft haben Sie sich schon an die Stirn gefasst und diese Worte gesagt?

Schon im Römischen Reich vor über 2000 Jahren stellte Cicero genau das fest, was uns auch heute noch so oft beschäftigt:

Groß ist die Macht der Gewohnheit.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

Dieses Sprichwort hat es in sich, denn es ist tatsächlich viel Wahres dran. Über 40% unserer alltäglichen Handlungen sind Gewohnheiten – Handlungen, die durch Wiederholung entstanden und so automatisiert sind, dass kaum noch Nachdenken erforderlich ist. Oft wird das Verhalten sogar unbewusst ausgeführt. Gewohnheiten sind Routinen und damit im Alltag selbstverständlich geworden. Stellen Sie sich vor, Sie müssten jedes Mal darüber nachdenken, wie Sie sich die Zähne putzen, die Schuhe binden, oder wie Sie sich morgens einen Kaffee machen. Den Knopf an der Maschine drücken, Kühlschrank öffnen, die Milch herausholen, den Deckel aufdrehen, in den Kaffee schütten, wieder zudrehen, Milch zurück in den Kühlschrank stellen, Tür schließen…

Unser Gehirn bildet Handlungsketten, die ganz gewohnt ablaufen – und darüber können wir froh sein! Wir ersparen uns viel kognitive Anstrengung und haben dadurch freie Kapazitäten. Beispielsweise können Sie so, während Sie sich Ihren Kaffee zubereiten, bereits überlegen, was Sie heute anziehen möchten. Gewohnheiten sind nützlich, weil sie uns im Alltag handlungsfähiger machen und unserem Gehirn auch öfter mal die Möglichkeit geben, abschalten zu können. Somit können wir unsere Ressourcen für die „wichtigen Dinge“ aufsparen.

Unsere Liebe zu den Gewohnheiten

Interessanter Fact am Rande: Der Mensch mag im wahrsten Sinne des Wortes sogar Gewohnheiten – oder besser gesagt er mag das, was er gewohnt ist. In der Psychologie gibt es einen Effekt, der „mere exposure effect“ oder auf deutsch „Effekt der Darbietungshäufigkeit“ genannt wird. Dieser beschreibt die Tatsache, dass Personen einen Reiz positiver bewerten, je öfter er ihnen dargeboten wird.

Das bedeutet, dass allein die erneute (möglicherweise auch unbewusste) Konfrontation mit einem Reiz dazu führt, dass wir diesen besser finden. Sagen wir, Sie hören heute ein neues Lied im Radio. Sie denken sich „das ist aber nicht besonders gut“. Morgen läuft es wieder, und schon beim zweiten Anhören finden Sie es gar nicht mehr so schlecht. Beim dritten Mal gefällt es Ihnen sogar vielleicht und beim vierten Mal ertappen Sie sich dabei, wie Sie leise mitsummen. Genau dieses Phänomen zeigt: Der Mensch mag vor allem das, was er kennt – und das, was er gewohnt ist.

Der ewige Kampf zwischen Intention und Gewohnheit

Ich befinde mich auf dem Weg zur Arbeit. An der ersten Kreuzung blendet mir die Sonne ins Gesicht und ich klappe die Sonnenblende herunter. Was für ein schöner Frühlingstag! Eigentlich der perfekte Tag, um mit dem Fahrrad zu fahren… ich ärgere mich immer noch, dass ich das einfach vergessen habe. Schon letzte Woche ist mir genau das gleiche passiert! Ich habe mir doch so fest vorgenommen, es diese Woche besser zu machen…

Zahlreiche Wissenschaftler untersuchen, wie man Menschen dazu bewegt, ihr Verhalten zu ändern. Besonders viel wird dabei im Gesundheitsbereich geforscht. Wie bringt man Menschen dazu, sich gesund zu ernähren? Wie motiviert man sie dazu, mehr Sport zu machen?

Das erste Ziel ist dabei natürlich, dafür zu sorgen, dass die Menschen sich verändern wollen. Doch mit der Intention, das eigene Verhalten zu ändern, ist es noch lange nicht getan. Eine Veränderung der Intention hat nur einen schwachen Effekt auf die Veränderung des Verhaltens und dementsprechend handeln die Menschen oft nicht so, wie sie es sich vorgenommen haben.

Warum ist das so? Die Antwort liegt in der sogenannten „Intentions-Verhaltens-Lücke“. Denn das Verhalten hängt neben der Intention auch noch von vielen anderen Faktoren ab. Und hier kommen die Gewohnheiten wieder ins Spiel. Es wurde nämlich gezeigt, dass das vergangene Verhalten – sprich, die Gewohnheiten – das Verhalten besser vorhersagen können als die Intention. Wie also kann sich unsere Intention gegen diese Hürde, gegen die Macht der Gewohnheit, durchsetzen?

Wir halten fest: Unsere Intentionen können noch so gut gemeint sein – unser vergangenes Verhalten und unsere Gewohnheiten werden stets ein Hindernis auf dem Weg der Verhaltensänderung sein. Ein Felsbrocken auf dem Weg, der uns zu unserem Ziel bringt. Wie also räumen wir diesen Felsbrocken aus dem Weg?

Gewohnheiten brechen – Leichter gesagt als getan.

Das Ziel der Trainings, die wir durchführen, ist immer eine Veränderung im Arbeitsalltag zu bewirken. Auch uns beschäftigt die Frage, welche Faktoren eine Verhaltensänderung erleichtern oder erschweren. Die Intention bei den Teilnehmenden zu schaffen, Verhalten zu ändern, ist das eine – sie aber dazu zu bringen, das Gelernte auch wirklich im Alltag umzusetzen, eine ganz andere! Denn genau im Alltag begegnen uns wieder unsere alten Gewohnheiten, in die wir schneller zurückfallen als uns bewusst ist.

Wie Gewohnheiten funktionieren

Um die Frage zu beantworten, wie Gewohnheiten gebrochen werden können, muss man erst einmal verstehen, wie diese überhaupt funktionieren. Kurz gefasst: Gewohnheiten sind Reaktionen, die durch bestimmte Auslösereize bzw. bestimmte Situationen aktiviert werden. Wenn ich beispielsweise morgens in die Küche gehe, drücke ich direkt auf den Knopf an der Kaffeemaschine. Diese Routine führt zu einer Konsequenz, welche als belohnend wahrgenommen wird. In diesem Fall wäre das der Kaffee, der mir schmeckt und mich wach macht. Die Belohnung führt wiederum dazu, dass die Reaktion immer weiter automatisiert wird. Diese Schleife, bestehend aus Auslösereiz, Routine und Belohnung, muss bei einer Verhaltensänderung unterbrochen werden.

Grundsätzlich gilt: Es ist einfacher, die Reaktion auf die Auslösesituation zu verändern, als bestimmte Verhaltensweisen zu unterlassen. Das bedeutet konkret, dass Gewohnheiten nicht nur gebrochen, sondern vielmehr durch neue ersetzt werden müssen. Bezogen auf die oben erläuterte Schleife, müssen wir also die Routine durch eine andere ersetzen.

Wenn ich beispielsweise morgens aufstehe und zur Kaffeemaschine gehe, mir dort ein Klebezettel jedoch sagt „Stopp, hol dir Tee!“, dann werde ich meine Routine wohl eher ändern. Eine andere Möglichkeit ist die Vermeidung der Auslösesituation. Bezogen auf unser Beispiel: Ich stelle die Kaffeemaschine in die Abstellkammer, dann kann ich mir auch keinen Kaffee machen. Die dritte Möglichkeit besteht darin, die Belohnung zu verändern, beispielsweise indem ich für positive Emotionen sorge, weil ich mir zunächst jeden Morgen einen kleinen Keks zu meinem Tee gönne.

Trainings wirksam machen

Bezogen auf Trainings im Unternehmen bedeutet dies natürlich, dass jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin durch wirksame Strategien und konkrete Pläne dafür sorgen muss, seine bzw. ihre Intentionen auch wirklich umzusetzen. Denn nur so ist der Transfer der Inhalte möglich und das Training effektiv. Gewohnheiten müssen wahrgenommen, analysiert und aktiv angegangen werden. Dies erfordert Anstrengung und Durchhaltevermögen, doch mit den richtigen Methoden und Techniken können wir die Macht der Gewohnheit begrenzen.

Wie Mark Twain so schön sagte:

Eine Angewohnheit kann man nicht aus dem Fenster werfen. Man muß sie die Treppe hinunterboxen, Stufe für Stufe.

Quellen:

  • Bouton, M. E. (2000). A learning theory perspective on lapse, relapse, and the maintenance of behavior change. Health Psychology, 19(1S), 57.
  • Danner, U. N., Aarts, H., & de Vries, N. K. (2008). Habit vs. intention in the prediction of future behaviour: The role of frequency, context stability and mental accessibility of past behaviour. British Journal of Social Psychology47(2), 245-265.
  • Duhigg, Charles (2012). Die Macht der Gewohnheit. Warum wir tun was wir tun (1. Auflage). Berlin: Bloomsbury Verlag (German Edition)
  • Duke University (2006)
  • Webb, T. L., & Sheeran, P. (2006). Does changing behavioral intentions engender behavior change? A meta-analysis of the experimental evidence. Psychological bulletin, 132(2), 249.
  • Zajonc, R. B. (1968). Attitudinal effects of mere exposure. Journal of personality and social psychology, 9, 1.

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