Beitrag von Constanze Fürst

Ein Plädoyer für Fragen, auf die Sie (noch) keine Antwort haben

Wie ein Pastorensohn aus New York die Welt vernetzte – und wie sein Nicht-Wissen zum Erfolg beitrug. Zeit, die Fragen wertzuschätzen, auf die wir keine Antwort haben.

Unbequeme Fragen

Wir schreiben das Jahr 1951. Der Telegraph war bereits erfunden. Informationen konnten elektrisch ausgetauscht werden. Europa war vernetzt. Amerika war vernetzt. Aber die Welt vernetzen? Das machten die Ozeane unmöglich – zumindest, wenn man der gängigen Meinung der Ingenieure Glauben schenkte.

Unbequeme Fragen waren Cyrus W. Fields Werkzeug, der als junger Pastorensohn nichts von Elektrizität verstand. Sie waren die Voraussetzung, um 1858 das erste Atlantikkabel zu verlegen. Sie waren der Beginn unserer vernetzten Welt. Auf die Frage, wie man elektrische Signale über den Atlantik schicken sollte, hatte C.W. Fiel zunächst eine einzige Antwort: keine Ahnung. Seine Zeitgenossen hatten Ahnung, aber eine andere Antwort: das geht nicht.

Was zeichnet unbequeme Fragen aus?

Das Besondere an unbequemen Fragen ist, dass sie ergebnisoffen sind. Oder anders gesagt: Dass wir ihre Antwort nicht wissen. Und keine Antwort parat zu haben, empfinden wir häufig als unangenehm. Besonders dann, wenn wir von (bzw. vor) anderen gefragt werden. Um unser Nicht-Wissen zu überspielen, wenden wir verschiedene Widerstands-Strategien an: wir werten die Frage ab, ziehen sie ins Lächerliche oder sagen bloß „das geht nicht“.

Wie kann man unbequeme Fragen managen?

Vera Birkenbihl zeigt in diesem Video, wie man Fragen managen kann, auf die man (noch) keine Antwort hat.

https://www.youtube.com/watch?v=NYMia1P99qA [1]

Bei Cyrus W. Field Geschichte entdecken wir so einiges von Birkenbihls »Lückenmanagement« wieder. Fields Wissen über Elektrizität liegt nach Birkenbihl´scher Terminologie bei k.A. 100% [2] . Die wichtigste Frage, die wir uns bei einem k.A.-Quotienten von 100% stellen dürfen, ist laut Vera Birkenbihl: Wollen wir das überhaupt wissen?

Birkenbihl verabschiedet sich von dem Gedanken, der Mensch müsse auf jede Frage eine Antwort wissen wollen. Ihr Tipp, um mit Fragen umzugehen, auf die wir keine Antwort haben und auf die wir keine Antwort brauchen, ist der Satz: Ich weiß es nicht. PUNKT.

»Wie gut war mein Fehler?«

Doch Cyrus W. Field will wissen, wie eine Ozeanüberspannung möglich ist. Mit seinem Traum von einem mit dem europäischen Kontinent vernetzen Amerika begeistert er innerhalb weniger Tage Kreditgeber, die das Unternehmen finanziell ermöglichen. Er schart Ingenieure um sich, die sich mit ihm gemeinsam auf das Ungewisse einlassen. Der erste Versuch scheitert. Nach fünf Tagen erfolgreicher Kabelverlegung entreißt sich der massive Eisen-und Kupfer-Draht seiner Winde und versinkt in den Tiefen des Atlantiks. Man versucht es noch einmal. Auch der zweite Versuch scheitert. Dieses Mal gerät eines der beiden Kabelschiffe in einen verheerenden Sturm. Nach zehn Tagen Unwetter ist das Kabel zu stark beschädigt, um mit dem Projekt fortzufahren. Viele wollen das Projekt Ozeanüberspannung aufgeben. Ein „es geht nicht“ scheint sich zu bewahrheiten.

Trotzdem laufen die Schiffe zu einem dritten Versuch aus dem Hafen aus. Field richtet seine Aufmerksamkeit auf die positiven Lehren der ersten beiden Fahrten. Das Kabel habe in beiden Fällen einwandfrei funktioniert. Das große Unwetter sei höhere Gewalt gewesen und ließe nun auf eine stille See hoffen. Beim dritten Versuch gelingt es endlich – das erste elektrische Signal wird über den Ozean geschickt.

Auch Vera Birkenbihl ermutigt dazu, bei Fehlversuchen und falschen Vermutungen die eigene Reaktion zu beobachten. Reagiert man wie Field mit der Frage »Wie gut war mein Fehler?« und kann daraus erkenntnisbringende Schlüsse ziehen? Oder zeigt man sich verärgert über den Fehler, bezichtigt sich der eigenen Dummheit oder wechselt zu einer der oben genannten Strategien: es geht nicht, das ist doch lächerlich, …?

Um bei unbequemen Fragen nicht in diese Widerstands-Falle zu tappen, kann Birkenbihls Überzeugung helfen: »Es ist völlig ok, eine Lücke zu haben.« Diese Überzeugung kann befreiend wirken. Entweder kann man dadurch lernen, mit der Lücke zu leben. Oder man hat die Chance, die Lücken durch einen konstruktiven Umgang mit Fehlern (»Wie gut war mein Fehler?«) zu schließen.

Fazit

Unbequeme Fragen, auf die wir keine Antworten haben, können bereichernd sein. Sie können uns zeigen, was wir noch nicht wissen, aber gerne wissen wollen. Gleichzeitig können sie aber auch dabei helfen, wohlwollender mit den eigenen Lücken umzugehen.

Die Geschichte des ersten Atlantikkabels zeigt, dass selbst ein k.A.-Quotient von 100% nichts Schlechtes heißen muss. Im Gegenteil: das Wissen vieler Ingenieure wirkte zu Beginn eher hinderlich. Voranbringen konnte so ein Vorhaben erst der Pastorensohn aus New York, der von Elektrizität keine Ahnung hatte.

Inspirationszitat zum Schluss:

»Ich muss nicht alle Antworten kennen. Eine große Neugier und die Bereitschaft, alle möglichen Fragen zu stellen, werden mich weit genug bringen.«[3]

In diesem Sinne: Wir wünschen Ihnen ausreichend Fragen, auf die Sie keine Antwort haben. Sowie große Neugier, um diese Lücken zu füllen.

PS: Und ab und an auch gerne Mut zur Lücke. PUNKT.

[1] Vera F. Birkenbihl (2004): Kopfspiele. Folge 10 Intelligentes Lücken-Management. BR-alpha.
[2] k.A. keine Ahnung
[3] Strelecky, John (2016): Wenn du Orangen willst, such nicht im Blaubeerfeld. Aha-Momente aus dem Café am Rande der Welt. Aus dem Englischen von Bettina Lemke. Mit Illustrationen von Root Leeb. 3. Auflage. München, S. 95.

Quellen:

Geschichte von Cyrus W. Field nachzulesen bei:
Zweig, Stefan (2018): Sternstunden der Menschheit. Vierzehn historische Miniaturen. 57. Auflage. Frankfurt am Main, S. 153-176.

Strelecky, John (2016): Wenn du Orangen willst, such nicht im Blaubeerfeld. Aha-Momente aus dem Café am Rande der Welt. Aus dem Englischen von Bettina Lemke. Mit Illustrationen von Root Leeb. 3. Auflage. München.

Vera F. Birkenbihl (2004): Kopf-Spiele. Folge 10 Intelligentes Lücken-Management. BR-alpha. Abgerufen bei YouTube: Surffalke (2012): https://www.youtube.com/watch?v=NYMia1P99qA (zuletzt abgerufen: 3. April 2019).

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