Beitrag von Constanze Fürst

»Gehen Sie mal bitte aus dem Bild« ─ Oder wie wir lernen können, präsenter zu sein

Interview mit Martina Ottmann, Expertin für Präsenz bei mensch & kommunikation

Worauf reagieren Menschen? Mit Martina Ottmann, Expertin für Präsenz, sprechen wir über die Ausstrahlung denkender Menschen, den Takt der Aufnahmefähigkeit und ein Körperbewusstsein, das alles verändert.

Martina, mal unter uns: Präsenztraining, das ist doch nur etwas für Schauspieler.

Nein. Schauspieler brauchen das eigentlich am wenigsten. Präsenzübungen gehören da zum Handwerk.

An wen richtest Du Dich?

Ich kann Menschen helfen, die beruflich viel reden müssen. Das ist in Unternehmen genauso wichtig wie beim Schauspiel. Bühne ist Bühne. Doch im Gegensatz zum Theater gibt es in Firmen viele, die vor Menschen reden müssen, aber nicht wollen. Das wird oft unterschätzt. Und löst einen immensen psychischen Stress aus, der sogar zum Burn-out führen kann.

Verstehe. Was zeichnet einen präsenten Menschen für Dich aus?

Wer präsent ist, der ist im Moment.

Das musst Du erklären.

Physisch präsent sind wir alle. Sinnlich präsent nur wenige. Im Moment sein heißt, mit allen Sinnen verbunden zu sein. Ich kann irgendwo sitzen oder stehen, ohne mich selbst zu spüren. Aber in der Sekunde, in der ich anfange, meinen Körper wahrzunehmen, ändert sich alles.

Körperbewusstsein wirkt sich auf die Präsenz aus?

Ja. Wenn ich nicht mit mir selbst in Verbindung treten kann, kann ich auch andere nicht erreichen. Meine Coachings beginne ich fast immer mit Wahrnehmungsübungen. Von einem Moment auf den anderen ändert sich die Haltung, der Atem wird langsamer und auch das Lampenfieber verschwindet. Wenn ich mich auf meinen Körper konzentriere, bleibt keine Zeit für negative Gedanken.

Wenn ich nur noch an meine Füße denke, wird das mit dem Inhalt aber auch schwierig … oder?

Grundsätzlich können wir immer nur eins nach dem anderen machen, das stimmt. Also Füße spüren und dann wieder Text sprechen. Oder Verspannungen im Körper bewusstmachen, lösen und dann loslegen. Wir können unsere Wahrnehmungsfähigkeiten aber so trainieren, dass wir schnell den Fokus wechseln können. Auf die Teile des Körpers oder Aufgaben, die von uns gebraucht werden. Das geht in Bruchteilen von Sekunden. Das ist eine Übungssache.

Was sollte man als präsenter Redner denn besser sein lassen?

Gesten antrainieren. Das ist Quatsch. Genauso wie Sätze oder ähnliches. Jeder hat seine Möglichkeiten, Menschen mitzureißen, wenn er authentisch ist. Ich habe die Erfahrung selbst gemacht. Als Kabarettistin teilte mir mein Regisseur einmal kurz vor einem Auftritt noch einen Gag mit, den ich mit ins Programm nehmen sollte. Den fand ich überhaupt nicht komisch. Und trotzdem habe ich ihn eingebaut. Naja… mit dem Ergebnis, dass eine Kritikerin genau diesen Spruch bemängelt hat. Seitdem weiß ich: Man muss hinter dem stehen, was man sagt.

Und darauf reagieren Menschen?

Ja. Sogar Sprechfehler lassen sich auflösen, wenn man mit dem verbunden ist, was man sagt. Es ist spannend zu beobachten, wie Nuscheln verschwinden kann, wenn jemand das ausspricht, was er auch wirklich meint.

»Bühne ist Bühne«, hast Du vorhin gesagt. Vom Kabarett bis zum Konzern gelten also dieselben Gesetze?

Zumindest viele. Unsere Aufnahmefähigkeit zum Beispiel läuft im 20-Minuten Takt. Dann verlangen wir nach einer kurzen Ablenkung, einem Aufbrechen der Situation. Danach können wir uns wieder konzentrieren. Das müssen Redner wissen. Auch wenn es um Zahlen geht.

Kannst Du das mal konkret machen?

Ich hatte mal einen Teilnehmer, zu dem während eines Meetings gesagt wurde: »Gehen Sie mal aus dem Bild«. Da darf man sich fragen, warum es den Rednern dann noch braucht? Wenn alles Wichtige scheinbar auf den Folien stehen soll, kann man auch ein Handbuch austeilen.

Und… warum braucht es ihn noch?

Denkende Menschen faszinieren uns. Wir wollen wissen, was kommt. PowerPoint-Präsentationen ersetzen Präsenz nicht. Viele glauben, wenn sie von ihrer Choreografie loslassen, macht es das schwieriger.

Das Gegenteil ist der Fall?

Redner, die im Moment sind, sind aufnahmefähig und bereit für Neues. Da ist nichts festgeschrieben. Dem können auch Fragen gestellt werden, auf die er unverkrampft reagieren kann.

Wie lockst Du selbst Vielredner noch aus ihrer Komfortzone?

Ich bin relativ direkt. Das hilft. Ein Coaching ist ein kreativer Prozess, bei dem beide Seiten offen sein müssen. Gleichzeitig suche ich immer nach Andockpunkten, um es den Menschen leichter zu machen. Macht jemand zum Beispiel Ju-Jutsu in seiner Freizeit, kann ich mit meinen Übungen daran anknüpfen. Meine Trainings sind wie eine Jazz-Improvisation. Man findet zusammen heraus, was am besten funktioniert. Jeder braucht eine andere Übung.

Zum Schluss: Dein Vorbild ist der Schauspieler Rolf Boysen. Warum er?

Boysen hat es alleine durchs Vorlesen geschafft, dass bei mir als Zuhörerin ein ganzer Film ablief. Unglaublich! Genau das möchte ich meinen Kunden mit auf den Weg geben. Sie sollen lebendiger in ihrem Vortrag werden. Sich vorstellen können, über was sie reden. Also in Bildern denken und in Bildern sprechen. Dann sind sie präsent, ganz im Moment. Das wirkt.

Vielen Dank für das Gespräch.

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