Kommunikation mit Reptilienhirn
Heikle Gespräche

Kriechtier im Kampfmodus?

Wer besonnen reagiert, kommt auch in heiklen Gesprächen weiter

Alles lief gut im Meeting, bis zu dem Punkt, an dem Herr Förster Frau Maier vorwarf, dass ihre Zahlen für das Marketingbudget ja wohl absolute Luftnummern wären, ohne jegliche betriebswirtschaftliche Rechtfertigung. Frau Maier verstummte, aber ihre Assistentin, Frau Ziller, sprang in die Bresche und warf wiederum Herrn Maier lauthals vor, von persönlicher Rachsucht getrieben zu sein…

Kommunikation ist eigentlich ganz einfach – im entspannten Zustand. Die Unterhaltung fließt, Standpunkte werden locker ausgetauscht, die Beziehungsebene ist gut. Doch dann kommt der heikle Punkt, plötzlich hakt es, der Stresspegel steigt, persönliche Angriffe ersetzen sachliche Argumente und die Diskussion wird unerfreulich. Jetzt verändert sich das Verhalten der Beteiligten. Radikal.  Die einen werden laut, aggressiv und beginnen, ihr Gegenüber „anzugreifen“, die anderen werden immer leiser, zurückgezogener und sind praktisch nicht mehr zu hören.

 

Angriff oder Flucht als Urzeitinstinkt

Woran liegt das? Im Wesentlichen am Reptilienhirn. Das Reptilienhirn, auch Stammhirn genannt, ist einer der ältesten Teile unseres Gehirns. Tatsächlich haben wir diesen von dem gleichnamigen Kriechtier. Und wie beim Urzeitwesen ist auch beim Menschen seine wesentliche Aufgabe von je her, uns vor Gefahren zu schützen. Beim Angriff eines wilden Tieres beispielsweise überlebt in der Regel derjenige, der am schnellsten adäquat reagiert, entweder mit Flucht oder Angriff. Diese Entscheidung muss in Millisekunden getroffen werden, ohne langes Nachdenken. In dieser Phase der Gefahr werden die anderen Gehirn- und Körperfunktionen erstmal komplett zurückgeschaltet, es zählt nichts mehr als das nackte Überleben.

 

Nun ist es unseren Lebensumständen gedankt, dass die Angriffe wilder Tiere für die meisten von uns eher selten geworden sind. Aber das Reptilienhirn deutet auch psychische Angriffe und Herausforderungen als „Gefahr im Verzug“. Es versucht, das Kommando zu übernehmen und mit dem entsprechenden Verhaltensmuster zu reagieren – ein größeres Repertoire hat es leider nicht zur Verfügung; allerdings führen Kampf oder Flucht als Handlungsalternativen bei einem heiklen Gespräch selten zum gewünschten Ergebnis! Welche der beiden Alternativen bei einem „Angriff“ zum Zuge kommt, hängt ab von der genetischen Veranlagung, den eigenen Erfahrungen im Leben, aber auch dem Testosteronspiegel im Blut.

 

Besonnenheit als menschliche Stärke

Vermutlich kann sich fast jeder bereits selbst ganz gut einschätzen, in welche Richtung er selbst in seinem Kommunikationsverhalten unter Stress tendiert und hat dazu schon Feedback von außen bekommen :-). Entscheidend ist aber in der Folge etwas Anderes: Wie kann ich meinem Reptilienhirn im Ernstfall „entkommen“ und mit einem der Situation besser angepasstem Verhalten reagieren?

 

Im Gegensatz zum besagten Reptil, haben wir Menschen die Möglichkeit, dem simplen Reiz-Reaktionsmuster Einhalt zu gebieten. Wir haben gelernt zu reflektieren, bewusst inne zu halten, bevor wir reagieren – oder zumindest nach einer ersten spontanen Reaktion. Und bevor die Emotionen komplett die Oberhand gewinnen, empfehlen die Autoren des Buches „Heikle Gespräche – Worauf es ankommt, wenn viel auf dem Spiel steht“[1] mit der Essenz „Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie wirklich wollen“ den folgenden gedanklichen Dreischritt:

 

1. Welche Absichten drücke ich durch mein Verhalten aus?

Das erfordert schon ein wenig Übung und Selbstkontrolle, speziell dann, wenn das Reptiliengehirn gerade dabei ist, die Kontrolle zu  übernehmen, gelingt aber von Mal zu Mal immer besser.

 

 2. Was möchte ich wirklich?

  • Für mich
  • Für die anderen
  • Für die Beziehung
  • Für die Sache?

Bei dieser Frage stellt man meist sehr schnell fest, dass das, was ich wirklich will, wenig mit dem zu tun hat, was ich durch mein aktuelles Verhalten ausdrücke.

 

3. Wie müsste ich mich entsprechend verhalten?

Wer es bis hier geschafft hat, hat auch beim dritten Schritt kaum mehr Probleme zu erkennen, welches Verhalten den Zielen förderlich ist und welches nicht.

 

Nun die gute Nachricht zum Schluss: An diesem Punkt des Denkprozesses haben Sie Ihr Reptilienhirn bereits an seinen angemessenen Platz verwiesen, so dass Ihnen ein ungestörter, konstruktiver Dialog wieder möglich wird!

Quellen:

[1] Kerry Patterson u.a.: „Heikle Gespräche: Worauf es ankommt, wenn viel auf dem Spiel steht.“ 2. aktualisierte und erweiterte Auflage. Wien, 2012.

Von Stefan Günzinger
Geschäftsführer der mensch & kommunikation GmbH

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