Gesunde Kommunikation
Stressmanagement

Medikament Mensch

Über den gesunden Umgang mit Stress

Der häufigste Vorsatz der Deutschen lautet einer Forsa-Umfrage zufolge auch 2017 wieder: „Weniger Stress“. Kein Wunder, denn Stress gefährdet unsere Gesundheit. Warum das so ist und wie wir trotzdem gesund bleiben, beschrieb Trainerin Nadescha Vornehm in ihrem Inspirationsvortrag anlässlich des diesjährigen Neujahrs-get-together der mensch & Kommunikation GmbH im Münchener Hansa-Haus am 13. Januar 2017.

Neun von zehn Deutschen fühlen sich im Job gestresst. Die häufigsten Gründe dafür: Ständiger Termindruck, schlechtes Arbeitsklima und emotionale Belastung. So das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der pronova BKK im Jahr 2016 [1] und Einstiegsimpuls des Vortrags von Nadescha Vornehm. Mit ihrem Ansatz hatte die Expertin für Kooperative Kommunikation den Nerv getroffen; ein Blick ins Publikum zeigte deutlich, dass sich auch hier eine Vielzahl der Gäste für das neue Jahr „weniger Stress“ verordnet hatte, nicht zuletzt als probates Mittel zur Wahrung der Gesundheit. Denn dass Stress krank macht, spüren die meisten von uns. Experten bestätigen dies zudem. Sie kennen zunehmenden Stress im Arbeitsalltag oft als wichtigsten Auslöser psychischer Erkrankungen und bringen ihn mit verschiedenen körperlichen Erkrankungen in Verbindung. Der Zusammenhang liegt auf der Hand.

 

Stress macht nachweislich krank

Nimmt unser Körper einen Stressreiz war, aktiviert er das vegetative Nervensystem, zuständig für unbewusste Vorgänge. Ursprünglich von der Natur zur Sicherung des Überlebens entwickelt, schüttet der Organismus die Hormone Adrenalin und Noradrenalin aus. Sie aktivieren im Körper alle Prozesse, die der Gefahrenabwehr dienen – und stellten sicher, dass der Mensch wachsam und leistungsfähig bleibt: Herzfrequenz und Blutdruck steigen, Muskeln werden gespannt, Energielieferanten wie Zucker und Fett stehen vermehrt zur Verfügung. Eigenschaften, die etwa bei der Flucht vor einem Raubtier durchaus nützlich sein können. Gleichzeitig „spart“ der Organismus an anderer Stelle und fährt etwa die Verdauung, die Immunabwehr oder auch Lust auf Sex herunter. Die Auslöser für Stress haben sich in der Menschheitsgeschichte gewandelt. Die Konsequenzen sind aber aktueller denn je: Chronischer – dauerhafter – Stress ist heute oft die Ursache für Krankheiten wie Bluthochdruck, Rücken- und Wirbelsäulenschmerzen, aber auch für Verdauungsprobleme oder eine verminderte Immunabwehr.

 

Eine aktuelle Studie der Universität Harvard [2] zeigte zudem, wie Stress das Herzinfarktrisiko steigern kann. Die Mediziner fanden heraus, bei hoher emotionaler Belastung wird die Amygdala, so nennen Fachleute den Mandelkern des Gehirns, stärker aktiviert. Sie sendet Signale an das Knochenmark und andere Körperregionen, die dadurch vermehrt weiße Blutkörperchen und andere Entzündungsstoffe produzieren. Ganz ohne Keime von außen können so chronische Entzündungen im Körper entstehen. Angegriffen werden dadurch nicht zuletzt die Wände von Arterien, die in der Folge verdicken. Damit steigt das Risiko eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls, so das Ergebnis der Forscher.

Nadescha Vornehm beim Vortrag am 13.01.2017
Nadescha Vornehm beim Vortrag im gut gefüllten Hansa Haus

An unsere Grenzen gekommen 

Zehn rezeptfreie Medikamente pro Jahr für jeden von uns.“ Abgeleitet aus den Zahlen des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller [3] machte Nadescha Vornehm deutlich, dass wir Krankheiten vor allem mit „Reparaturmedizin“ begegnen. Nach dieser versuchen wir – im Sinne eines maschinellen Menschenbildes – weniger intakte Einzelteile des Körpers schnell zu reparieren. So stieg beispielsweise der Absatz rezeptfreier Lebensmittel in den letzten Jahren immer weiter. Im Jahr 2015 lag er bei knapp 800 Millionen Produkteinheiten. Gleichzeitig zeigen zunehmende Krankheitstage aber auch, dass diese Maßnahmen allein nicht reichen. Es gibt darüber hinaus andere Ansätze, wenn auch zunächst weniger naheliegend, um gesund zu bleiben.

 

Die wichtigste Droge des Menschen: Der Mensch!

Einen wertvollen Impuls liefert die längste jemals durchgeführte Studie über das Leben Erwachsener [4]. Robert Waldinger von der Universität Harvard hat sie als vierter Studienleiter geführt. In einem Ted Talk beschreibt er, wie 75 Jahre lang Amerikaner untersucht wurden; mittels Interviews, anhand von Krankenakten, Bluttest oder Untersuchungen des Gehirns. Die wichtigste Botschaft nach einem dreiviertel Jahrhundert Studie: Was uns glücklicher und gesünder macht, sind gute Beziehungen. So sind jene Menschen, die sozial verbunden sind, zufriedener, ausgeglichener und leben länger, als jene, die weniger gute Beziehungen haben.

 

Dies hat auch der Körper bereits so angelegt. Denn das „Bindungshormon“ Oxytocin wird nicht nur ausgeschüttet, um die Wehen einer Schwangeren auszulösen. Der Körper setzt es auch unter Stress frei. Das Hormon bewirkt, dass wir empathischer werden und den Kontakt zu anderen Menschen suchen, wir überhaupt erst bindungsfähig werden. Ein treffendes Fazit zu dem Thema liefert der Freiburger Psychosomatik-Professor Joachim Bauer: „Eine der stärksten Drogen für den Menschen ist der andere Mensch!“[5]

 

Vor diesem Hintergrund wandte sich Nadescha Vornehm an die Zuhörer. Sie bat, in Kleingruppen zu reflektieren, wer denn ihre „Drogen“ seien. Sprich: Diejenigen Menschen zu benennen, die ihnen Kraft liefern.

 

Gesunde Kommunikation

Weil gute Beziehungen durch gute – „gesunde“ – Kommunikation entstehen, lag die Frage nah, wie gesunde Kommunikation gelingen kann. Im ersten Schritt gilt es, eine Fähigkeit zur Selbstreflektion zu entwickeln. Schließlich verbringt jeder Mensch viel Zeit damit, anderen Mails zu schicken oder mit ihnen zu sprechen. Innezuhalten und mit uns selbst in Kommunikation zu treten, kann daher eine besondere Erfahrung sein. Und es kann helfen, die Signale des eigenen Körpers wieder besser wahrzunehmen. Damit können wir auch die Frage stellen, was der Körper mit Kopfschmerzen oder einem verspannten Rücken sagen möchte. Das erspart mitunter den einen oder anderen Griff zur Reparaturmedizin.

 

Abschließend regte Nadescha Vornehm daher zu Achtsamkeitsübungen im Alltag an. Schon kleine Dinge können dabei spannende Erfahrungen ermöglichen, wie etwa die bewusste Drei-Minuten-Handy-Abstinenz bei der nächsten S-Bahnfahrt. Ein guter Ausgangspunkt für die Zuhörer, um das Thema gesunde Kommunikation im zweiten Vortrag des Abends von Moritz Küffner weiter zu vertiefen.

Fakten zum Thema:

[1] Download der Studie „Vorsätze für das Jahr 2017“, durchgeführt von Forsa im Auftrag der DAK-Gesundheit, https://www.dak.de/dak/bundes-themen/Gute_Vorsaetze_2017__Jeder_Fuenfte_will_weniger_online_sein-1864042.html

[2] Download der Studie „Betriebliches Gesundheitsmanagement 2016“, durchgeführt von pronova BKK, https://www.pronovabkk.de/downloads/daae5e87365e21c9/pronovaBKK-160317-Arbeitnehmerbefragung-BGM-2016-Gesamt.pdf

[3] Informationen zur Studie „Relation between resting amygdalar activity and cardiovascular events: a longitudinal and cohort study“, durchgeführt von Medizinern der Harvard University, http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(16)31714-7/abstract

[4] Bundesverband der Arzneimittelhersteller e.V., 2015: Der Arzneimittelmarkt in Deutschland. Zahlen und Fakten. Online unter: https://www.bah-bonn.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=7724&token=f8d0c9d1acee89a824924c28843d72678875fd0f. Stand: 17.01.2017.

[5] Siehe dazu Waldinger, Robert: “What makes a good life? Lessons from the longest study on happiness.” Online unter: https://www.ted.com/speakers/robert_waldinger. Stand: 17.01.2017.

[6] Bauer, Joachim: „Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens.“ München, 2015. Seite 120.
Auch die Headline dieses Artikels ist dem Buch entlehnt. Dort listet der Autor das Kapitel auf „Ein starkes Medikament für den Menschen: Der andere Mensch“, Seite 119

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