Beitrag von Constanze Fürst

Mutige Selbstführung

Wie sich der innere Kompass positiv auf Unternehmen auswirken kann

Gerade Extremsituationen und Entscheidungsdruck laden dazu ein, Denk- und Verhaltensmuster sichtbar zu machen und zu reflektieren. Zeigt sich Führungskompetenz nicht gerade dann, wenn Anforderungen außerplanmäßig werden, eben extrem (lat. extra = außerhalb)? In diesem Artikel möchten wir Ihnen deshalb die Geschichte eines Marshalls vorstellen. Sie kann Unternehmensverantwortliche darin bestärken, auf den inneren Kompass zu vertrauen.

Springen wir kurz in das Jahr 1815. Napoleon greift zum letzten Mal nach Frankreichs Krone. Dazu schickt er seinen Marshall Grouchy mit einer Truppe Richtung Brüssel. Er soll die Preußen verfolgen und verhindern, dass sie sich mit den Engländern zu einer gesamteuropäischen Armee vereinigen. Gegen diesen Zusammenschluss, das weiß Napoleon und auch Grouchy, wäre Frankreich chancenlos. Die Strategie ist ausgefeilt, der Plan entworfen. Doch die Preußen spielen nicht so mit, wie sich Frankreich das gedacht hat. Alle Zeichen sprechen für eine Routenänderung. Doch Grouchy hält an dem vorgeschriebenen Weg fest. Eine Entscheidung, die Napoleons Niederlage besiegelt.

Grouchys Geschichte – die Stefan Zweig zu den »Sternstunden der Menschheit« zählt ─ kann Personalverantwortliche vieles über mutige Selbstführung lehren:

  • Mut, Verantwortung neu zu definieren (Haltung)
  • Mut, die Perspektive zu verändern (Denken)
  • Mut, Dinge anders zu machen (Handeln)

Verantwortungsbewusstsein vor Pflichtbewusstsein

Hören Sie einen Unterschied zwischen folgenden Sätzen?

1. Napoleon hat mir befohlen, die Preußen auf der Route Richtung Brüssel zu verfolgen.

2. Ich bin dafür verantwortlich, eine europäische Armee zu verhindern und zu Frankreichs Sieg beizutragen.

Grouchy fühlt, dass etwas Außerplanmäßiges vor sich geht. Die Geräusche deuten einen anderen Weg und von den Preußen fehlt immer noch jede Spur. Seine erfahrene Truppe fleht ihn an, die Route zu ändern. Die Situation stellt ihn vor eine Entscheidung: Sich vom Plan führen lassen oder angesichts der neuen Anforderungen selbst führen?

Entscheidungen gehören auch zum Unternehmensalltag. Fachabteilungen stehen darüber hinaus vor der Herausforderung, sich abzustimmen. Da stellt sich die Frage: Wenn sich jeder selbst führe, führe dann überhaupt noch jemand?

Wie entscheidet sich Grouchy? Er wählt den Weg der Vorschrift. Übergeht die Signale der Situation, misstraut seinem inneren Kompass. Auch für Vorgesetzte und Mitarbeiter in Unternehmen scheint das vielleicht der Weg, mit dem geringsten Widerstand zu sein. Wer eins zu eins das macht, was schriftlich in einem Meeting festgelegt wurde, der hat stets einen Joker. Gerne wird dieser Joker gezogen, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Wer den Joker zieht, kann sagen: „An mir lag es nicht“, „Das ist nicht meine Schuld“, „Damit habe ich nichts zu tun“, „Das liegt nicht in meinem Verantwortungsbereich“.

Für Unternehmen stellt sich hier eine einzige Frage: Fördern wir dieses Mindset und möchten wir diese Einstellung?

Joker-Sammler sind Pflichterfüller. Denn wer Joker zieht, zeigt meist auch, dass er seinen Teil planmäßig erledigt hat. Eine Einstellung, die für sich genommen, als Tugend gewertet werden kann. In Grouchys Geschichte wird diese Haltung zum Hindernis. Die neuen Umstände fordern ein Denken, das aufs Ziel ausgerichtet ist und neue Wege findet – jetzt braucht es Pfadfinder, keine Pflichterfüller.

Innerer Kompass – Investieren Sie in Pfadfinder?

Wer sich im Ziel einig ist, kann zwischen Wegen wählen. Die Kompassnadel richtet sich von selbst immer neu aus, immer aufs Ziel hin. Unternehmen und Personalverantwortliche können den inneren Kompass als Haltungs-, Denk- und Handlungswerkzeug integrieren, indem sie:

  • Menschen zusammenzubringen, die ihren inneren Kompass in die gleiche Richtung ausgerichtet haben
  • Einen Leitstern setzen, an dem sich alle Beteiligten orientieren können
  • Überdenken, wie Unternehmensziele gegenüber den Mitarbeitern kommuniziert werden. Pfadfinder oder Pflichterfüller-Kultur?

Blockaden lösen – Was motiviert zur mutigen Selbstführung?

Angst und Desinteresse machen mutige Selbstführung sehr schwer. Angst stört die feine Nadel des inneren Kompass‘, geht oft mit Selbstzweifeln einher und hält uns davon ab, in entscheidenden Situationen Risiken bewusst und bestimmt einzugehen. Desinteresse motiviert ohnehin zu wenig. Persönliches Commitment ist der Pol, der zieht.

Herrscht eine offene Feedback-Kultur im Unternehmen? Können individuelle Schwerpunkte gesetzt werden? Werden Stärken der Mitarbeiter erkannt, gelobt und gefördert? Traut man ihnen etwas zu?

Fazit

Wer seinem inneren Kompass vertraut, ist klar in seinem Ziel und flexibel auf dem Weg dorthin. Das ist die Botschaft, die wir aus Grouchys Geschichte ziehen und mit Ihnen teilen wollten.

Schließlich findet auch der Marshall das Vertrauen in sich und seinen Kompass wieder. Ohne auch nur einen Mann zu verlieren, führt Grouchy seine Truppe durch feindliches Territorium zurück. Eine wahrliche Mammut-Aufgabe.

Stefan Zweig fasst Grouchys Geschichte wie folgt zusammen:

»Alle seinen großen Tugenden, Besonnenheit, Tüchtigkeit, Umsicht und Gewissenhaftigkeit werden klar, seit er [Grouchy] wieder sich selbst vertraut und nicht mehr geschriebenem Befehl.«[1]

[1] Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit. Vierzehn historische Miniaturen. 57. Auflage 2018. Frankfurt am Main, S. 123.

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