Beitrag von Constanze Fürst

Rhetorik ganz praktisch: Greta Thunberg

Mittels guter Rhetorik wollen RednerInnen Menschen überzeugen, motivieren, Wandel herbeiführen. Als gute/r Rhetoriker/in will man mehr als nur verstanden werden.

Rhetorik ist seit jeher praktisch. Sie hat ihren Ursprung in der Antike. Seit dem 5. Jhd. v. Chr. treten die ersten professionellen Redenschreiber und Redner in Erscheinung. Auch der römische Politiker und Philosoph Cicero tritt zuerst als Redner auf, bevor er den theoretischen Unterbau liefert. In der Tradition der praxisorientierten Rhetorik steht auch die heutige Redeanalyse. Erst die Praxis, dann die Theorie.

Greta Thunbergs Auftritt auf der TEDxStockholm Konferenz im Dezember 2018:

Thunbergs Rede zeugt von wirkungsvoller Rhetorik. Was macht diesen Auftritt so überzeugend?

Achten Sie einmal auf den Satzbau der jungen Frau. Sie wählt kurze, prägnante Sätze. Keine schwierigen Haupt- und Nebensatz-Konstruktionen. Rhetorik des gesprochenen, flüchtigen Wortes kann nicht zurückgespult oder zurückgeblättert werden − zumindest für die Zuhörer im Saal nicht. Nur so gibt man dem Publikum überhaupt die Chance, die Botschaft aufzunehmen. Apropos Botschaft. Diese wird bei Greta Thunberg sehr deutlich. »Wir müssen etwas ändern!« − und das jetzt, nicht irgendwann. Bei jeder wirkungsvollen Rede weiß der Zuhörer am Ende, worauf der/die Vortragende hinaus wollte. Für den Redner/die Rednerin selbst heißt das: Was wollen Sie den Menschen mitteilen?

Über die Botschaft hinaus geht der Appell. RhetorikerInnen wollen mehr als nur verstanden werden. Sie wollen Veränderung herbeiführen. Thunbergs Appell: »Anstatt nach Hoffnung zu suchen, suchen Sie nach Handlungsmöglichkeiten«. Klassisch in der Rhetorik ist der Appell ein Teil des Redeendes. Die meisten großen Reden sind mit einem Aufruf zur Aktion verbunden. Thunberg nutzt diese Funktion des Redeendes geschickt für ihr Interesse. Für den Redner/die Rednerin stellt sich die Frage: Was wollen Sie erreichen?

Thunberg beherrscht noch ein rhetorisch wirkungsvolles Instrument: das Setzen von Pausen. Schauen Sie sich einmal Minute 1:00 bis 1:30 an. Merken Sie, wie eindringlich ihre Worte klingen? Pausen werten das auf, was tatsächlich gesagt wird. Pausen sind ein wunderbares Beispiel, dass Rhetorik nicht mit Eloquenz gleichzusetzen ist. In der Rhetorik geht es immer um Wirkung. Und dabei kann das Nicht-Sprechen oft kraftvoller sein als die gewähltesten Worte.

Auch auf Stilmittel möchte ich eingehen, die oft fälschlicherweise mit Rhetorik gleichgesetzt werden. Stilmittel sind wichtig. Gleichzeitig sind sie nur ein Teil des rhetorischen Spektrums. Thunberg setzt ein bekanntes Stilmittel zu Beginn ein: rhetorische Fragen. Also Fragen, auf die der Redner/die Rednerin keine Antwort erwartet. Vielmehr will er/sie das Interesse der Zuhörer auf einen bestimmten Aspekt lenken.

Mit ihren rhetorischen Fragen zeigt Thunberg ein gutes Gespür für den wirksamen Redeanfang. Der Redeanfang hat drei Funktionen. Der Redner/die Rednerin will das Publikum wohlwollend stimmen (captatio benevolentiae) z.B. „ich habe mich schon so gefreut, heute vor Ihnen zu sprechen“. Der Redner/die Rednerin will Aufmerksamkeit erregen durch Irritation, Bilder, Lautstärke, etc… (attentum parare). Thunberg setzt auf keines der beiden. Sie entscheidet sich für die dritte Funktion. Das aufnahme- und lernbereit Machen der Zuhörer (docilem facere). Dazu setzt sie folgende rhetorische Fragen passend ein:

»Wenn das Verbrennen fossiler Brennstoffe so schädlich war, dass es unsere Existenz bedrohte, wie konnten wir dann so weitermachen wie bisher? Warum gab es keine Beschränkungen? Warum wurde es nicht verboten?«

Humor in der Rede ist wie das Salz in der Suppe. In der richtigen Dosierung hervorragend geeignet, um die eigene Botschaft schmackhaft zu machen. Thunberg beherrscht diesen Balance-Akt bei ihrem ernsten Anliegen sehr gut. Und sie zeigt damit zugleich persönliche Stärke. Thunberg informiert das Publikum darüber, dass bei ihr das Asperger-Syndrom (eine Form von Autismus) diagnostiziert wurde. Sie stellt diesen Fakt in folgendes Licht:

»Das bedeutet, dass ich im Grunde nur spreche, wenn ich es für nötig halte. [Pause] Jetzt ist einer dieser Momente.«.

Dass das Publikum diese Stelle auch tatsächlich als humorvoll wahrnimmt, hört man am Lachen und Klatschen im Hintergrund. In Greta Thunbergs Fall kann diese Redestelle noch für eine weitere rhetorische Leistung herangezogen werden: die vermeintlich schwächere Sache zur Stärkeren zu machen – diese Kraft hat schon Protagoras der Rede zugeschrieben.

Ein weiteres Stilmittel, das meist humorvoll wirkt und Aufmerksamkeit erregt, ist das Brechen von Erwartungen. Gute Witze funktionieren so. Thunberg nutzt dieses Stilmittel klug im Sinne ihrer Botschaft („Es muss sich etwas ändern! – jetzt“) und, um ihren Appell einzuleiten. Thunberg sagt:

»Jetzt sind wir fast am Ende meiner Rede. Und hier fangen die Meisten an, über Hoffnung zu reden: […] Aber ich werde das nicht tun.«

Apropos Redeende. Insgesamt dauert Greta Thunbergs Rede gerade einmal 11 Minuten. Und damit setzt sie einen wichtigen rhetorischen Leitsatz um: Fass dich kurz. Oder wie Mark Twain es formuliert: »Eine gute Rede hat einen guten Anfang und ein gutes Ende – und beide sollten möglichst dicht beieinander liegen.«

Zum Abschluss dieses Artikels noch ein Logik-Exkurs für alle, die sich für Argumentationstechniken interessieren. Auch hierfür bietet Greta Thunberg ein Beispiel:

»Es gab 30 Jahre lang Aufmunterung und positive Ideen. Es tut mir leid, aber es funktioniert nicht. Hätte es funktioniert, wären die Emissionen inzwischen zurückgegangen.«

Stimmen Sie mir zu, dass das sehr überzeugend klingt? Was wendet Thunberg hier an? − den Umkehrschluss einer Implikation; die sogenannte Kontraposition.
Eine Implikation hat die Form Wenn A, dann B.“ also: Wenn Aufmunterung hilft, dann gehen Emissionen zurück.
Die Kontraposition hat die Form „Wenn nicht B, dann nicht A.“ also: Wenn Emissionen nicht zurückgehen, dann hilft Aufmunterung nicht.

Und weil Rhetorik kurzweilig sein soll, kann man diesen Schluss so verkürzen, wie Thunberg das macht. In der Rhetorik nennt man das Verkürzen von logischen Schlüssen Enthymem. So eine logische Struktur hat immense Strahlkraft. Bietet dem Redner/der Rednerin gleichzeitig im Extrem auch die Möglichkeit, Prämissen unter den Tisch fallen zu lassen, die, wenn man sie ausformuliert hören würde, gar nicht mehr so stark klingen. Womit wir bei der Ethik der Rhetorik angekommen wären.

Fazit

Was sehen Sie? Eine 16-jährige junge Frau, die sich hinstellt ohne Pult, ohne Powerpoint-Präsentation. Die weder rhetorische Tipps zur Gestik (Arme hängend) noch zur Körperhaltung (Standbein-Belastung anstatt schulter-breiter Stand) erfüllt. Und die am Ende Standing Ovations bekommt.

Greta Thunberg beweist, dass Rhetorik mehr ist als äußerlicher Schein. Rhetorik ist Haltung, Interesse, Leidenschaft, Einsatz und Mut. Gute RhetorikerInnen sind mehr als Sprachvirtuosen. Sie sind Persönlichkeiten (unabhängig ihres Alters). Sie sagen, was sie meinen. Sie sagen, was sie zu sagen haben. Und sie sagen es verständlich. Gleichzeitig basiert gute Rhetorik auf einem Kanon an wirkungsvollen Techniken, die erlernbar sind. Das Wissen um wirkungsvolle Redeanfänge, Pausen und Argumentationstechniken. Gute Rhetorik zeigt sich verletzlich und stark zugleich. Gute Rhetorik lässt Menschen träumen und weckt Schlafende auf. Gute Rhetorik heißt, sich klar zu positionieren. Und doch bleibt gute Rhetorik ihrem Wesen nach selbst unbestimmt. Denn gute Rhetorik ist die Kunst, seine eigene RednerInnen-Persönlichkeit zu entdecken. Gute Rhetorik ist eben mehr als verstanden zu werden.

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