Entscheidend ist, wie wir mit Stress umgehen
Stressresistenz

„Stress ist wie ein gutes Gewürz“

Sebastian Pflügler im Gespräch über Stressresistenz als neue Schlüsselkompetenz

Der Urlaub ist vorbei. Das Meeresrauschen wurde abgelöst vom Rattern des Bürodruckers. Statt der warmen Stimme an der Rezeption empfängt Sie ein unfreundliches Gebrumme am anderen Ende der Telefonleitung. Mit der Arbeit steigt bei vielen schnell wieder der Stresspegel. „Stress haben wir alle mal.“,meint Sebastian Pflügler, Experte für Stressresistenz. „Interessant ist aber, wie wir damit umgehen.“ Im Interview erklärt er, wie erfolgreiche Stressbewältigung auch ohne Sonne, Strand und Meer funktioniert.

mensch & kommunikation: Bevor wir uns an Strategien zur Stressbewältigung machen, Herr Pflügler, erklären Sie uns doch bitte kurz, worum es sich bei Stress eigentlich genau handelt?

Sebastian Pflügler: Stress entsteht immer dann, wenn die Anforderungen, die ich selbst oder andere an mich stellen, mit meinen Kompetenzen nicht übereinstimmen. Es entsteht eine gewisse Kluft zwischen dem, was schon da ist und dem, was von mir erwartet wird. Das reicht aber noch nicht für das Entstehen von Stress, es fehlt noch die bewertende Komponente. Zum Stress kommt es nämlich erst dann, wenn ein Scheitern von mir negativ bewertet wird. Ist mir das Scheitern egal, entsteht auch kein Stress, selbst wenn ich der Situation nicht gewachsen bin.

 

m&k: Was bedeutet demnach „Stressresistenz?

Sebastian Pflügler: Stress haben wir alle mal. Interessant ist aber, wie wir damit umgehen. „Stressresistenz“ beinhaltet drei Komponenten. Zunächst ist da die Kompetenz zur Stressbewältigung, die sich damit beschäftigt, wie ich externen Stressquellen gezielt begegnen kann. Zweitens spielt die Stressbewertung eine Rolle, also jene Fähigkeit, interne Stressquellen zu erkennen und anzugehen. Wo mache ich mir durch zu hohe Ansprüche selbst Druck? Das muss ich erst erkennen, dann kann ich mir überlegen, wie ich damit umgehe. Drittens ist die Kompetenz zur Stressprävention entscheidend, also mein Vermögen, Aufgaben auszuwählen, die meinem individuellen Profil von Stärken und Schwächen entsprechen. Das heißt auch, dass ich nach Möglichkeit Situationen vermeide,die in mir extremen Stress auslösen.

 

m&k: Ihrer Meinung nach ist Stressresistenz eine Schlüsselkompetenz der Zukunft. Warum? Haben wir etwa heute mehr Stress als Generationen vor uns?

Sebastian Pflügler: Zumindest was den gefühlten Stress angeht. Studien belegen, dass der gefühlte Stress für die Mehrheit der Bevölkerung zunimmt und somit ein gesunder und kompetenter Umgang mit ihm unerlässlich ist, wollen wir weiterhin effektiv arbeiten.

 

m&k: Welche Strategien habe ich in Stresssituationen denn an der Hand?

Sebastian Pflügler: Wenn ein akuter Konflikt besteht, in dem für mich Stress aufkommt, kann ich immer zwischen mehreren Möglichkeiten wählen. Am Anfang sollte man sich drei wesentliche Fragen stellen: Ist die Stressquelle extern oder intern? Kann ich die Stressquelle verändern oder nicht? Und kann ich direkt nach einer Lösung suchen oder muss ich mich emotional erst einmal „runterholen“? Je nachdem, zu welchen Antworten ich gelange,brauche ich eine andere Strategie. Das Stress-Resistenz-Training nach Schulz und Jansen kennt hier zehn verschiedene Strategien.

 

m&k: Können Sie uns hier ein paar Beispiele nennen?

Sebastian Pflügler: Das ist ein weites Feld. Eine Strategie kann sein, Stressemotionen mitzuteilen. Eine andere betrifft das Angehen der Stressquelle. Auch Stress bewusst zumeiden ist eine Möglichkeit. Aktive und passive Beruhigungsverfahren gehören ebenfalls dazu. Auf aktiver Seite sind das jegliche Sportarten sowie beispielsweise die progressive Muskelentspannung oder spezielle Achtsamkeitsübungen. Auf passiver Seite kann auch mal ein Stück Schokolade, ein gutes Glas Rotwein oder ein Abend unter Freunden zur Verbesserung des Stressgefühls beitragen. Das alles sind nur Strategien und es gibt hierbei kein besser oder schlechter. Jeder muss für sich entscheiden, welche er davon in der jeweiligen Situation am hilfreichsten findet. Stressresistent zu sein bedeutet letztlich, sich die Fähigkeit anzueignen, unter hoher Belastung ruhig und effektiv handeln zu können und somit trotz Stresssituationen auch dauerhaft gesund zu bleiben.

„Stellen Sie sich vor, sie müssen eine Präsentation vor dem Vorstand halten und verlieren den Faden. In so einer Situation kann ich nicht die Augen schließen und meditieren.“

Ist die rosarote Brille die Lösung?

m&k: Mit aktiven Beruhigungsmöglichkeiten wie der progressiven Muskelentspannung oder Achtsamkeits-Trainings sprechen Sie einen Trend an, der sich seit einiger Zeit beobachten lässt.

Sebastian Pflügler: Ja und ich begrüße diese Angebote auch, wenn es darum geht, dass Menschen ihr Leben dadurch stressfreier gestalten können. Ich sehe nur zwei Schwachpunkte in diesen Trainings: Sie geben dir den Hammer. Doch nicht jede Situation ist ein Nagel. Stellen Sie sich vor, sie müssen eine Präsentation vor dem Vorstand halten und verlieren den Faden. In so einer Situation kann ich nicht die Augen schließen und meditieren. Wollen wir effektiv Stress vermeiden, ist es wichtig, sich mehrere Strategien anzueignen, um so in der entsprechenden Situation adäquat handeln zu können.

 

m&k: Wie trainiert man nun aber Stressresistenz?

Sebastian Pflügler: Entscheidend ist, dass ein Betroffener zunächst das Muster wahrnimmt, das hinter einem stressresistenten Verhalten steckt. Stressresistente Menschen erkennen im allerersten Schritt, dass sie unter Stress stehen. Bemerkbar kann sich das zum Beispiel an körperlichen Reaktionen wie Kopfschmerzen oder Zittern machen, aber auch emotionale Reaktionen wie Lustlosigkeit oder Aggressivität können darunterfallen. Im zweiten Schritt stellen sie sich die Frage, was genau die Stressquelle ist: Habe ich zu viele Aufgaben? Ist die Arbeitsanweisung unklar? Oder weiß ich von vornherein, dass die Wertschätzung auch bei erfolgreichem Abschluss ausbleibt? Das Stress-Resistenz-Training kennt hier acht unterschiedliche externe Quellen. Die Stressquelle kann jedoch auch intern sein und ich mache mir den Druck selbst. Stressresistente Personen haben gelernt, die Konsequenzen ihrer Handlungen realistisch einzuschätzen und unrealistische Überzeugungen, wie „Ich darf nie einen Fehler machen“, in stressmindernde Glaubenssätze umzuwandeln. Die richtige Quelle zu identifizieren, ist entscheidend, um die passende Stressbewältigungsstrategie auszuwählen. Hier gilt es zu überprüfen, welche Strategie nun am sinnvollsten sind. Im letzten Schritt rufen sich stressresistente Personen immer wieder ihre Stärken und Schwächen in den Kopf. Ein klares Nein zu bestimmten Aufgaben, die nicht mit Freude und Motivation angegangen werden können, ist Ausdruck von Selbstachtung und Selbstbestimmtheit.

 

m&k: Herr Pflügler, zum Abschluss noch einen Satz: Ein stressfreies Leben für mich ist …

Sebastian Pflügler: … nicht erstrebenswert. Schon der Stressforscher Hans Selye hat gesagt: „Die Abwesenheit von Stress ist der Tod!“. So ähnlich sehe ich das auch. Ich vergleiche Stress gerne mit einem guten Gewürz. Es kommt auf die Dossierung an. Zu viel schnürt einem die Luft ab, ohne ist das Leben ziemlich eintönig. Außerdem verlernt man den Umgang mit Stress, wenn man sich diesem gar nicht mehr aussetzt. Das ist ähnlich wie bei einem Sonnenbad: Wer nie an die Sonne geht, wird als erstes einen Sonnenbrand erleiden. Stress ist also nicht das Problem, schwierig ist der nicht kompetente oder ein ungeübter Umgang damit.

 

m&k: Herr Pflügler, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Constanze Fürst

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